Predigt zur Corona-Krise von Pfarrer Peter Steinle

Pfarrer Peter Steinle

Am Sonntag Okuli, 15. März 2020 fand bis auf Weiteres der letzte Gottesdienst in unserer Pauluskirche statt. Pfarrer Peter Steinle legte zwei Epistel-Texte auf die aktuelle Situation hin aus:

Liebe Gemeinde,

nichts ist mehr so, wie es war. Unser Dorf, unser Land, ja, unsere ganze Welt sind im Ausnahmezustand. Das öffentliche Leben wird überall heruntergefahren. Inzwischen muss man nicht nur dann zuhause bleiben, wenn man in Südtirol im Urlaub war, sondern auch dann, wenn man nur hier in einem Teilort beim Zahnarzt war. So sind auch unsere Reihen heute deutlich gelichtet; manche treuen Gottesdienstbesucher haben sich sogar schon entschuldigt, weil sie sich mit Kontakten eben gerade zurückhalten müssen, wenn sie selbst mit einer Risikoperson im Kontakt waren.

Etwas Vergleichbares hat es in Deutschland lange nicht gegeben. Dass eine Saison der Fußball-Bundesliga abgebrochen worden wäre, das gab es zuletzt in der Saison 1944/45 – am Ende des zweiten Weltkriegs. (Mit diesem Gottesdienst heute haben wir immerhin eine Woche länger durchgehalten als die Fußballer!)

Wir alle sind verunsichert, in Sorge, ja, vielleicht sogar in Angst. Wie wird es weitergehen? Was wird noch kommen? Wird es mich persönlich betreffen? Was passiert dann? Wir stehen auf schwankendem Boden - heute vielleicht mehr denn je. Wir merken, dass wir unser Leben nicht mehr gut in der Hand haben. Wir merken, dass wir keine Kontrolle haben über das, was noch passieren wird – mit uns, mit unseren Lieben, mit unserem Ort, mit unserer Welt.

Liebe Gemeinde, es gibt im Moment nichts zu beschönigen, aber es gibt erst recht keinen Grund zu Hysterie oder Panik - ganz im Gegenteil. Wir müssen uns von Sorgen nicht auffressen lassen. Wir müssen nur Sorge dafür tragen, dass wir andere oder uns selbst nicht unnötig hohen Risiken aussetzen, deshalb haben wir heute hier ja auch die entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen getroffen.

Gibt es denn einen christlichen Trost für uns in dieser Krise, liebe Gemeinde? Ich meine: Eindeutig ja! Natürlich!

Um diese Frage ein bisschen genauer beantworten zu können habe ich mich kurzfristig entschlossen, heute ausnahmsweise nicht unserer vorgegebenen Perikopenordnung zu folgen und also ausnahmsweise nicht über den Text aus Lukas 9 zu predigen, den wir noch in den Gemeindenachrichten für heute angekündigt und den wir auch am Mittwoch – wie immer – noch mit den Konfirmanden besprochen haben. Ich habe meinen Predigtentwurf für Lukas 9 weggelegt und mich entschieden, aus aktuellem Anlass heute über einen Vers aus dem 2. Timotheusbrief und einen Vers aus dem 1. Petrusbrief zu predigen. Dort heißt es:

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. (2. Timotheus 1,7)

Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch. (1. Petrus 5,9)

Liebe Gemeinde, ich glaube: Diese Krise führt uns gerade sehr eindrücklich das vor Augen, was wir sonst oft gar nicht so deutlich sehen oder auch nicht sehen wollen. Nämlich: Dass unsere Welt und sogar unser eigenes Leben uns nicht vollständig verfügbar sind. Also: Dass wir unsere Welt und nicht einmal unser eigenes Leben vollständig selbst in der Hand haben. Das gilt nicht nur jetzt nicht in diesen Tagen. Sondern immer: Wir haben unsere Welt und unser eigenes Leben gar nie vollständig in der Hand. Immer gibt es auch Zufälle, Unfälle, Glückstreffer oder Schicksalsschläge. Sonst verdrängen wir diesen Gedanken oft gerne. In diesen Tagen wird er uns wahrscheinlich deutlicher bewusst als normal. Und das ist natürlich auch ein beklemmendes Gefühl. Es gibt ja Menschen – und das sind nicht nur die Perfektionisten und Kontroll-Freaks – die wollen am liebsten immer alles selbst in der Hand behalten. Die wollen sich möglichst nicht auf andere verlassen, die wollen nicht von anderen abhängig sein, die wollen nicht auf andere angewiesen sein. Die wollen ihren Alltag und ihr ganzes Leben möglichst vollständig selbst in der Hand behalten. Vielleicht kennen Sie, liebe Gemeinde, solche inneren Bedürfnisse ja auch ein bisschen. Ich kenne diese Bedürfnisse jedenfalls gut. Das fängt bei mir schon damit an, dass ich lieber das Fahrrad als den Bus nehme oder lieber das Auto als die Bahn – weil ich nicht auf andere angewiesen sein möchte, weil ich lieber selbstbestimmt leben möchte.

In diesen Tagen verlieren wir ein großes Stück unserer Autonomie, liebe Gemeinde, wenn wir uns an immer mehr Vorsichtsmaßnahmen halten müssen, wenn wir fast keine Veranstaltungen mehr besuchen können, weil fast keine mehr stattfinden, wenn wir nicht mehr frei reisen können, weil es überall Sperrgebiete und Einreiseverbote gibt. Und noch mehr Autonomie könnten wir verlieren, wenn wir uns infizieren, wenn wir unter Quarantäne gestellt werden oder wenn auch nur die Wirtschaft so sehr leidet, dass unserer Arbeitsplatz oder gar unsere Firma in der Existenz bedroht wäre. Alles das ist unserer persönlichen Kontrolle entzogen. Wir haben unser Leben nie vollständig in der Hand. Und im Moment sicher weniger denn je.

Für uns Christen, liebe Gemeinde, ist es gerade in einer solchen Krise wie jetzt essenziell wichtig zu wissen: Wir können trotzdem nicht ins Bodenlose fallen. Denn auch wenn wir unser Leben nicht – gar nie und schon gar nicht jetzt – vollständig in der Hand haben, so ist es doch nicht so, dass unser Leben irgendwie außer Kontrolle geraten, abstürzen, verloren gehen könnte. Denn es gibt ja einen, der unser Leben in seiner Hand hält – immer und erst recht jetzt in der Krise: Gott ist derjenige, der uns unser Leben geschenkt hat, der unser Leben in jeder einzelnen Sekunde erhält, und er ist gleichzeitig auch derjenige, der unser Leben eines früheren oder späteren Tages auch wieder zu sich in seine Ewigkeit nehmen wird. Gott ist derjenige, der in letzter Konsequenz unser Leben in seiner Hand hält – immer und erst recht jetzt in der Krise.

Deshalb sagt der erste Petrusbrief natürlich mit recht: Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.

Wie können wir das konkret tun, liebe Gemeinde?

Ich sehe zwei Punkte:

Der erste Punkt ist eine Art Konfrontationstherapie – das kennen Sie vielleicht aus anderen Bereichen: Wer Angst vor großer Höhe hat, der soll das Besteigen von Türmen keineswegs vermeiden, sondern im Gegenteil erst recht hochsteigen, damit er lernt, dass er trotzdem nicht abstürzen wird. Wer Angst vor Spinnen hat, der lernt in einer Konfrontationstherapie, Spinnen in die Hand zu nehmen und dadurch langsam seine Ängste abzulegen.

Ich möchte Sie nun keinesfalls zu einer Konfrontationstherapie mit dem Corona-Virus aufrufen, liebe Gemeinde - das wäre fatal! Aber ich möchte für unseren Glauben eine Art Konfrontationstherapie vorschlagen: Wir könnten die derzeitige Krise doch zum Anlass nahmen, alle Ängste vor einem Kontroll- und Autonomieverlust ganz bewusst anzunehmen und uns zu sagen: Ja, so ist es: Ich weiß nicht, was morgen kommen wird. Ja, ich habe mein Leben nicht vollständig selbst in der Hand. Aber: Nein, das lässt mich trotzdem nicht verzweifeln. Nein, deshalb bin ich nicht verloren. Denn ich weiß jetzt in der Krise vielleicht noch viel genauer als sonst: Es gibt einen, der mein Leben in seiner Hand hält. Der mich hält und nicht fallen lässt: Gott selbst. Er ist derjenige, der mir mein Leben geschenkt hat, der mein Leben in jeder einzelnen Sekunde erhält, und er ist gleichzeitig auch derjenige, der mein Leben eines früheren oder späteren Tages auch wieder zu sich in seine Ewigkeit nehmen wird. Was auch immer bis dahin noch passieren wird, das weiß ich heute noch nicht. Aber dass Gott mich dabei immer begleitet und dass am Ende alles gut ausgehen wird, das weiß ich. - Solches Gottvertrauen, liebe Gemeinde, wäre mein erster Punkt zum Umgang mit der Corona-Krise.

Und der zweite Punkt ist das Gebet. Im Gebet können wir Gott alles sagen, was uns bewegt und beschäftigt. Im Gebet können wir unsere Sorgen und Nöte, unsere Ängste und Befürchtungen vor Gott bringen. Und im Gebet können wir Gott um den Beistand bitten, den wir jetzt brauchen. Not lehrt beten, sagt ein Sprichwort. Und ich füge hinzu: Das ist auch keine Schande! Ich möchte Ihnen dazu eine ganz kleine Anekdote erzählen, liebe Gemeinde: Mein Vater ist oder war Arzt (er praktiziert nicht mehr, aber er hat seine Kompetenz und Erfahrung). Und wenn meine Frau oder ich mal irgendwelche Wehwehchen haben, dann sagt meine Frau: "Jetzt rufen wir deinen Papa an. Wenn man mit dem gesprochen hat, geht es einem gleich besser." Und das stimmt wirklich, liebe Gemeinde – nicht deshalb, weil mein Vater ein Wunderheiler wäre, sondern weil es gut tut, wenn einem jemand zuhört und wenn einen jemand mit Fachkompetenz beruhigen kann. Ich glaube, das funktioniert so ähnlich mit dem Gebet: Es kann gut tun, seine eigenen Sorgen vor Gott zu bringen. Es kann gut tun, Gott um seinen Beistand zu bitten. Und es kann vor allem enorm entlastend und befreiend sein, sein Leben und sein Schicksal letztlich in Gottes Hand zu legen. Not lehrt beten - und das ist keine Schande! Probieren Sie es einfach mal aus, wenn Sie in diesen Tagen merken, wie sehr unser Leben durcheinandergewirbelt wird.

Wir Christen teilen das Schicksal aller Menschen – auch in Krisen und Krankheiten. Aber wir Christen haben die Gewissheit, dass es in allen Krisen und Krankheiten einen gibt, der uns begleitet und der uns hält. Deshalb, liebe Gemeinde, gilt: Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch. Amen.